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Wimberley Head WH-200 Drucken

Wer Naturfotografie betreibt, kommt meist nicht um eine lange, lichtstarke und entsprechend schwere Telebrennweite herum. Sehr beliebt sind hier die Festbrennweiten 400 2.8, 500 4.0 oder gar ein 600 4.0. Bestenfalls kommt man mit 3,8 Kg davon. Zwangsläufig wird dann nach kurzer Zeit nach einer optimalen Stativ- und Stativkopflösung gesucht. Welche Kopfform hier die optimale ist kann man schwer entscheiden - jede für sich hat ihre Daseinsberechtigung und ihre Vor- bzw. Nachteile.

Ein sehr spezifischer Kopf wird seit 1991 von der Firma  Wimberley in den USA gebaut, der sogenannte Wimberley Head. Die recht ausgefallene Konstruktion wird inzwischen in einer überarbeiteten Version WH-200 angeboten. Auf dem ersten Blick erkennt man am wuchtigen Äußeren des Wimberley dessen Einsatzbereich - lange und gewichtige Festbrennweiten - ein Zoomobjektiv àla 100-400 würde an diesem Kopf einen verlorenen Eindruck machen.

Aufbau & Montage

Für den problemlosen Versand wird der Wimberley Head in zwei Teilen geliefert, dem Hauptarm mit dem Schwenkarm und der sogenannten Objektivplattform. Beide Teile sind in einem speziellen Versandkarton durch Schaumstoff-Formteile optimal geschützt. Die Plattform wird durch einen Drehknopf auf den profilierten Schwenkarm befestigt, das Profil ist unten geschlossen, dadurch wird ein durchrutschen der Plattform verhindert. Der untere der beiden großen gummierten Knöpfe dient für die Einstellung der Panoramaachse, der obere stellt die vertikale Achse fest. Die Plattform hat seit der Version II eine fest integrierte Arcakompatible Klemmbasis, diese ist sehr hochwertig gefertigt. Der Feststellknopf läßt sich sehr gut festziehen und kann beim lösen durch eine Begrenzung nicht verloren gehen. Die Klemme hält die von mir getesteten Burzynski und Really Right Stuff Objektivplatten sehr zuverlässig. Am Stativ befestigt wird der Kopf durch ein 3/8" Gewinde unter der Panoramabasis, durch den großen Hebel des Schwenkarms kann man den Wimberley sowohl sehr gut festziehen als auch wieder lösen.

 

Vergleich mit WH-100

Die äußeren Änderungen fallen direkt ins Auge. Der WH-200 hat beide Bedienknöpfe auf einer Seite, was das arbeiten mit dem Kopf wesentlich verbessert. Nun bedient man den Kopf bequem mit einer Hand, was zuvor nicht möglich war.  Beim WH-100 war der Knopf direkt über der Panoramabasis angebracht, seine Bedienung war aus heutiger Sicht nicht optimal. Auch die Beschaffenheit der Knöpfe hat sich verbessert. Während bei der alten Version noch ein harter glatter Kunststoffgriff verbaut wurde, werden bei der aktuellen Version ein griffiger Knauf mit Gummioberfläche verwendet. Eine weitere Änderung betrifft die Objektivplattform, früher musste man sich noch für ein Schnellwechselsystem entscheiden, heute ist eine Arca-Swiss kompatible Klemmbasis integriert. Man sollte dies aber nicht unbedingt als Nachteil empfinden, da dieses System in der Naturfotografie sehr verbreitet ist und man damit die größte mögliche Auswahl an Kamera- bzw. Objektivplatten hat. Zudem erreicht man durch die Integration der Klemmbasis eine stabilere Einheit. Insgesamt ist der WH-200 auch etwas verkleinert worden und das Finish ist etwas edler. Das Gewicht konnte um gute 500g reduziert werden, trotzdem wurde die Steifigkeit noch weiter verbessert. Der Preis wurde auch etwas nach oben korrigiert, aber wenn man berücksichtigt, dass nun eine Klemmbasis zum Lieferumfang gehört, ist der WH-200 unterm Strich sogar etwas "günstiger".

 

Funktionsweise

Der Wimberley Head ist eine sogenannte Karadanische Aufhängung (Gimbal), so bezeichnet man Vorrichtungen, mit denen z.B. Messinstrumente frei drehbar und unabhängig von Lage oder Bewegung aufgehängt werden. Im Fall vom Wimberley Head ist dies unsere schwere Kamera/Objektiveinheit. Das Objektiv wird mit der Stativschelle und entsprechender Objektivplatte mit der Plattform/Klemmbasis verbunden. Um eine optimale Funktion zu gewährleisten muss die Kamerakombination zunächst austarriert werden. Hierzu ist eine lange Objektivplatte (z.B. Burzynski, Novoflex) zu empfehlen. Die Klemmbasis und der Schwenkarm für die vertikale Ausrichtung werden gelöst, danach verschiebt man das Objektiv mit angesetzter Kamera soweit, bis die Einheit von alleine in einer waagerechten Position verbleibt. Nachdem man die Klemmbasis wieder angezogen hat, muss nun noch die vertikale Position der Objektivplattform eingestellt werden. Hierbei orientiert man sich am besten an der Achse des Schwenkarms, der Mittelpunkt der verwendeten Objektiv sollte ungefähr einen Zentimeter oberhalb dieser Achse liegen. Wenn man nun beide Feststellknöpfe gelöst hat, sollte sich die Kamera/Objektiveinheit frei in alle Richtung bewegen lassen. Die Kombination sollte beim loslassen frei in der gewünschten Position stehen bleiben, zumindest bei Positionen bis 30°. Mit etwas Übung hat man sehr schnell den richtigen Punkt gefunden, wichtig ist hierbei ist aber auch die korrekte Befestigung der Objektivplatte an der Stativschelle. Wimberley bietet im Zubehör auch für alle gängigen Telebrennweite Platten an, die mit einem Verdrehschutz ausgestattet sind. Ferner gibt es zumindest für die Festbrennweiten von Nikon und Canon sogenannte Replacement Foots zu deutsch Austauschfuß. Diese ersetzen den Originalfuß und haben bereits ein Arca Swiss Profil eingefrässt  man spart also etwas Gewicht und hat eine stabilere Verbindung. Diese Füße gibt es aber auch von anderen Herstellern wie z.B. Really Right Stuff oder Kirk zu kaufen.

 

Test mit EOS 1D Mark III und EF 500 4.0 IS

Das  Gewicht der Kamera mit angesetzten EF 500 beträgt etwa 5,5 Kg, nach dem aufsetzen auf die Objektivplattform des Wimberley Head spürt man dieses Gewicht jedoch nicht mehr. Zum bedienen genügt es eine Hand an der Kamera zu haben um damit das Objektiv in die richtige Stellung zu bringen.  Die gesamte Einheit bewegt sich butterweich in jede Position. Wenn alles korrekt austarriert ist, verbleibt der WH-200 in der gewünschten Stellung - wie bereits erwähnt wird kein Krafteinsatz dafür benötigt. Die Knebelschrauben haben eine sehr gute Übersetzung mit der sich die Friktion sehr feinfühlig einstellen lässt. Während beim alten Model bei völlig gelösten Schrauben ein leichtes Spiel festzustellen war, merkt beim WH-200 davon nichts mehr. Zieht man die Knebelschrauben an, hat man eine steife Kombination, bei der so gut wie keine Verwindung zu spüren ist. Der WH-200 ist ideal für Mitzieher geeignet, es ist mit ihm erheblich leichter z.B. fliegende Vögel im Sucher zu verfolgen. Dies ist z.B. mit einem Kugelkopf der gehobenen Preisklasse nicht so leicht durchzuführen.
Nachteilig gegenüber anderen Köpfen ist die sperrige Bauart des Wimberley Heads. Die abnehmbare Plattform erleichtert zwar etwas den Transport, trotzdem stört der Kopf im Fotorucksack ein wenig. Auch das Gewicht ist nicht unbedingt für lange Wanderungen geeignet, mit 1,5 Kg ist der WH-200 doppelt so schwer wie ein hochwertiger Kugelkopf. Auch kommt man um einen weiteren Stativkopf nicht herum, da der Einsatzzweck des Wimberleys ganz klar die gewichtigen Festbrennweiten sind. Aber diese Diziplin beherscht er wie kaum ein anderer, lediglich die hochwertigen Fluidneiger aus dem Videobereich können ihm das Wasser reichen - aber da ist man sowohl preislich als auch von Gewicht in einer anderen Liga.

 

Zubehör & Erweiterungen

Optional ist bei Wimberley ein Blitzarm zur Befestigung am Schwingarm des WH-200 erhältlich, mit ihm ist eine Blitzbefestigung oberhalb der optischen Achse möglich. Der Halter mit der Bezeichnung F-9 ist für rund 190 EUR zu haben.
 
Die erwähnten Füße für die Stativschellen (Replacement Foots) bekommt man für einige Objektive direkt bei Wimberley. Die Vorteile dieser Füße sind die geringe Bauhöhe (weniger Schwingungen) und man spart sich eine zusätzliche Objektivplatte (Fuß ist mit Arca Profil ausgestattet). Die Modelle von Wimberley sind etwas günstiger als die Produkte von Kirk, RRS oder Naturescapes.

Zum Schutz der Oberfläche und der Hände (in der kalten Jahreszeit) gibt es von der US-Firma LensCoat einen Neoprenüberzug wie sie auch häufig für Objektive zu sehen sind.
 
Wenn man ein Stativ mit einer Kalotte verwendet, empfiehlt es sich eine Nivelliereinrichtung zu verwenden, entsprechende Möglichkeiten werden von Gitzo bzw. Manfrotto angeboten. Es erleichtert einem die Arbeit im unebenen Gelände das Stativ korrekt auszuloten.

 

Alternativen

Der kleine Bruder vom WH-200 hört auf dem Namen Sidekick und empfiehlt sich für alle die einen stabilen Kugelkopf (z.B. RRS, Markins, Arca-Swiss) in ihrem Besitz haben. Auf diesem wird er adaptiert und bietet dann eine ähnliche Performance wie der WH-200, so hat man  eine Kombination für schwere Teleobjektive, hat aber trotzdem einen Kugelkopf für leichtere Aufgaben dabei. Das spart Platz im Fotorucksack und ist zudem auch leichter (ca. 600g). Der Sidekick ist für rund 360 EUR im Handel erhältlich.
Der international bekannte Naturfotograf
Dietmar Nill hat einen eigenen Stativkopf All in one konzipiert. "All in one" soll soviel bedeuten, dass man nur noch einen Kopf benötigt. Mit einem Gewicht von 1 Kg ist der Nill-Kopf ein ganzes Stück leichter als der WH-200, allerdings ist die Konstruktion auch eine etwas andere. Er besteht aus zwei U-Bügeln verschiedener Größen die ineinander schwingen. Beim Naturfotofestval in Lünen konnte ich mich über die tadellose Verarbeitung und der guten Funktion überzeugen. Der Kopf bietet auch die Möglichkeit durch eine zweite Klemmbasis eine weitere Kamerakombination aufzunehmen. Durch die hohe Bauweise ist der All in One jedoch für Macroaufnamen in Bodennähe nicht optimal. Der Kopf wird direkt über die Internetseite von Dietmar Nill vertrieben, für rund 700 EUR werden gleich 3 Klemmschienen mitgeliefert.
Dem All in one sehr ähnlich ist der
Manfrotto MA393, allerdings nur rein äußerlich. Der Hersteller
wirbt zwar für den MA393 als Lösung für schwere Teleobjektive, man merkt aber direkt beim ansetzen der Objektive, dass er doch etwas überfordert ist. Eine Friktion ist fast nicht zu spüren und bei horizontalen Schwenks hat man mit einem ordentlichen Spiel an der Achse zu kämpfen. Die mitgelieferte Klemmbasis nimmt auch nur die Manfrotto eigenen Objektvplatten auf, hier punktet die Konkurrenz durch die Arca-Swiss kompatiblen Klemmbasen. Einzig der Preis von 180 EUR stimmt versöhnlich.
Auf dem ersten Blick ähnelt der
King Cobra von Kirk sehr dem Sidekick von Wimberley, im Gegensatz zu diesem benötigt der Cobra allerdings keinen Kugelkopf, da er eine eigene Panoramaachse hat. Zurzeit kann der King Cobra nur direkt aus den USA bestellt werden und ist dort zum Preis von ca. 350 EUR zu haben.
Wem alle diese Varianten und auch die Geldbörse deutlich zu schwer sind, der greift zum nur 700g schweren
EKI Tripod Head aus dem bayerischen Ismaning. Der Kopf gleicht dem WH-100 aus dem Hause Wimberley wie ein Ei dem anderen. Allerdings kann man nicht von einem Plagiat sprechen, da die Amerikaner der Produktion zugestimmt haben. Das niedrige Gewicht wird durch die Verwendung von Carbon erreicht. Da die Produktion und Fertigung mit diesem Werkstoff aufwendig und kompliziert ist (und zudem in der BRD produziert wird) kostet der Kopf momentan 1299 EUR - der Hersteller möchte aber nach Ausweitung der Produktion den Preis unter 1000 EUR drücken. Oftmals wird behauptet die Objektivplattform des EKI Heads könnte nicht in der Höhe justiert werden und der Kopf aus diesem Grund nicht korrekt austariert werden. Diese Behauptung stimmt allerdings nicht, der Kopf lässt eine Verstellung der Höhe von 25mm zu. Erwähnt werden sollte aber, dass dieses System ohne Schnellwechselbasis geliefert wird.

Auf der Photokina 2008 in Köln stellte der chinesische Hersteller Benro seinen GH-2 (Gimbal Head 2) der europäischen Öffentlichkeit vor, dabei handelt es sich wiedereinmal um eine dreiste Kopie des Originals. Der Preis für dieses Plagiat wird nach Aussagen des deutschen Vertriebs bei ungefähr 400 EUR liegen, also erheblich billiger als der Wimberley WH-200.

Direktbestellung in den USA

Über die Internetseite des Herstellers (www.tripodhead.com) kann man den WH-200 samt Zubehör auch aus Europa bestellen. Dies kann sich je nach Wechselkurs des US-Dollars sehr lohnen. Der Versand erfolgt über den Kurierdienst UPS und geht sehr schnell von statten. Nicht vergessen sollte man natürlich das der Versand (59,76 EUR), die Zollgebühren (UPS führt die Ware dem Zoll vor) und die Einfuhrsteuer zum Warenwert addiert werden müssen. Zoll und Einfuhrsteuer schlagen mit ca. 23% vom Warenwert incl. Versand zu Buche. Die Ware wird mit Kreditkarte beim Hersteller bezahlt, die Zollentgelte müssen bar bei der Zustellung an UPS abgetreten werden.

 

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